Ratgeber ambulant Betreute Wohngemeinschaft

Was ist eine betreute Wohngemeinschaft?

Ambulant betreute Wohngemeinschaften sind eine Lebens- und Wohnform, die „mehr“ ist als Betreutes Wohnen und „weniger“ als das Leben in einer stationären Pflegeeinrichtung. Sie können in zwei Kategorien unterschieden werden:

Die eine Kategorie ist dadurch gekennzeichnet, dass sich betreuungs- und / oder pflegebedürftige Menschen zusammenfinden, um sich gemeinsam und eigenverantwortlich Wohnraum und die nach ihren Bedürfnissen erforderlichen hauswirtschaftlichen, pflegerischen und betreuerische Dienstleistungen zu beschaffen. Diese Leistungen können von hauswirtschaftlichen Hilfen bis zu den Leistungen ambulanter Betreuung und Pflege reichen. Der wesentliche Unterschied zu Pflegeeinrichtungen ist, dass kein dritter „Träger“ die Gesamtorganisation und -verantwortung für das Wohnen und die Dienstleistungen übernimmt, vorhält und erbringt. Entscheidendes Kriterium für das Leben und Wohnen in einer Wohngemeinschaft ist die Selbstbestimmung der in ihr lebenden Menschen in Bezug auf die Gestaltung ihres Lebensumfeldes.

Die andere Kategorie ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Anbieter - in der Regel ein ambulanter Pflegedienst - als organisatorisches Rückgrat der Wohngemeinschaft agiert. Hier liegt entweder ein gekoppeltes Vertragsverhältnis oder eine sonstige rechtliche Gestaltung, die vertraglich wie auch faktisch ein „Alles - aus - einer - Hand“ - Dienstleistungspaket bildet, vor, das die in der Wohngemeinschaft lebenden Menschen von dem einen Anbieter zu beziehen haben. Der Wohnraum wird durch einen Mietvertrag beschafft und die Dienstleistungen durch Vereinbarungen mit einem oder mehreren ambulanten Dienstleistern. Solche werden je nach Ausgestaltung der Wohngemeinschaft entweder über eine sog. Auftraggebergemeinschaft oder individuell abgeschlossen. Zuweilen gibt es nur ambulante Pflegeverträge, zuweilen aber auch eine Kombination von Pflegeverträgen und Betreuungsverträgen, in der die Leistungen für die Wohngemeinschaft insgesamt und für die einzelnen Personen individuell aufgetrennt werden.

 

Wie gestaltet sich das Leben in einer Wohngemeinschaft?

Das Leben findet im normalen Wohnumfeld statt. Wohngemeinschaften sind größere Wohneinheiten (je nach Personenzahl 200 - 300 qm), in denen private Wohnbereiche und die gemeinschaftliche Nutzung von Wohnzimmern, Wohnküchen und ggfls. Gemeinschaftsbädern angemietet werden. Jede in der Wohngemeinschaft lebende Person wohnt in seinem eigenen Zimmer, das mit den eigenen Möbeln einzurichten ist. Für die gemeinsame Gestaltung des Tages stehen die Gemeinschaftsflächen (Wohnküche, Wohnzimmer, geschützter Außenbereich, Garten) zur Verfügung. Der Tagesablauf ist orientiert an familienähnlichen Strukturen und folgt dem Prinzip der „Normalität des Alltags“.

Anders als in einer Pflegeeinrichtung gibt nicht der Träger die Abläufe vor, sondern sie werden von den Mitgliedern der Wohngemeinschaft selbst organisiert. So weit wie möglich werden - in der Regel unter Anleitung und Unterstützung einer Fachkraft - die Haushaltstätigkeiten (Einkaufen, Kochen, Reinigung, Wäsche etc.) von allen übernommen. Auch Angehörige können und sollen sich an den gemeinschaftlichen Aktivitäten beteiligen und ein wesentliches Fundament des Lebens in der Wohngemeinschaft bilden.
Im Gegensatz zum Betreuten Wohnen steht bei ambulant betreuten Wohngemeinschaften also die Gewährleistung der pflegerischen Versorgung im Vordergrund.

 

Für wen ist die Wohngemeinschaft geeignet?

Da ambulant betreute Wohngemeinschaften „mehr“ sind als Betreutes Wohnen und „weniger“ als stationäre Pflegeeinrichtungen, sind sie das ideale Angebot für betreuungs- und pflegebedürftige Menschen, die in einer überschaubaren Umgebung von in der Regel nicht mehr als 8 - 12 Mitbewohnern leben und über Art und Umfang der von ihnen in Anspruch zu nehmenden Hilfen weitgehend selbst entscheiden wollen. Entscheidend ist, dass auch die Angehörigen eine Einbindung in das „Organisatorische“ der Wohngemeinschaft wollen oder wenigstens akzeptieren. Sie bilden je nach Konzept ein wesentliches Fundament des Lebens in der Wohngemeinschaft. Sie helfen im Tagesablauf, sind Gesprächspartner der in der Wohngemeinschaft arbeitenden Dienstleister und sorgen so für „Qualität“. 


Woran erkenne ich die Qualität von Wohngemeinschaften?

Wohngemeinschaften bewegen sich konzeptionell im Bereich selbstorganisierten Lebens und Wohnens. Dies verlangt spezifische „Qualitäten“.

In Hinblick auf die Strukturqualität sind folgende Kriterien hervorzuheben:


   • die Trennung von Vermietung und Versorgungs- / Pflegeangebot
     und damit Gewährleistung der Wahlfreiheit  
   • das Recht auf Mitbestimmung des Einzelnen beim Zuzug
     neuer BewohnerInnen in die Wohngemeinschaft  
   • die Beteiligung von Pflegediensten mit Versorgungsvertrag, die
      eine feste Teamstruktur und die Pflege gewährleisten können 
   • in baulicher Hinsicht die Barrierefreiheit der Immobilie und das
      Vorhandensein von Einzelzimmern für jede/n Mieterin und Mieter 
   • die Vorhaltung von mindestens zwei Bädern (bei sechs bis acht Mietern)
   • das Vorhandensein einer großen (Wohn-)Küche
   • das Vorhandensein eines großen zentralen Wohnzimmer (ersatzweise
     große Wohnküche) sowie eines Freisitzes (Garten, Terrasse, Balkon) 

Bzgl. der Prozessqualität gilt u.a.:

   • die Gewährleistung einer Doppelbesetzung tagsüber  
   • die Orientierung der Tagesabläufe an den Gewohnheiten und
     dem Rhythmus der MieterInnen  
   • maximale Beteiligung der MieterInnen an alltäglichen Verrichtungen
   • die regelmäßige Abstimmung mit Angehörigen /
     gesetzlichen Betreuern der MieterInnen   


Die angestrebte Ergebnisqualität umfaßt u.a.:

   • die Gewährleistung eines guten körperlichen Status der betreuten MieterInnen
   • die Schaffung von „Wohlbefinden“ und „Lebensfreude“ der MieterInnen
   • die Gewährleistung vertrauensvollen Bezugs zum eingesetzten Personal

Dies gilt auch für Wohngemeinschafte für demenziell erkrankte Menschen, wobei hier noch in qualitativer Hinsicht weitere Merkmale hinzutreten, wie z.B. die Schaffung von Laufwegen, um dem Bewegungsdrang der MieterInnen entgegenzukommen, die spezifische Ausstattung der Räumlichkeiten (Biografiebezogenheit) und die Herstellung und Gewährleistung eines schmerzfreien Zustands der Demenzkranken unter Gewährleistung einer krankheitsangemessenen (geringen) Medikation, vor allem aber die Schaffung eines auf die Demenz abgestimmten „Wohlbefindens“ der demenzkranken BewohnerInnen, die Vermeidung von „Vegetieren“ durch Stimulation, Einbindung und Ansprache.

 

Und die Kosten?

Die für das Leben und Wohnen in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft anfallenden Kosten setzen sich aus folgenden Positionen zusammen:

Miete und Heiz-, Betriebs- und Nebenkosten: Es handelt sich um die „normalen“ Kosten des Wohnraums.

Pflegevergütungen: Sie bemessen sich nach dem individuellen betreuerischen und pflegerischen Bedarf des Einzelnen und den abgeschlossenen ambulanten Pflegeverträgen.

Betreuungspauschale: Hinzutritt häufig eine sog. betreuungspauschale, mit der die 24 - Stunden - Präsenz von „Conciergen“ oder „Hausmüttern“, also den Präsenzkräften, die keine Leistungen aufgrund der Pflegeverträge erbringen, vergütet werden. Die Gestaltungen sind hier sehr unterschiedlich genauso wie die Höhe der Vergütungen, die im Allgemeinen zwischen 800 € und 1300 € liegen, letztendlich aber vom Leistungsumfang abhängen.

Haushaltsgeld: Mit dem Haushaltsgeld sind die Kosten der gemeinschaftlichen Verpflegung und der sonstigen hauswirtschaftlichen Verbrauchsmaterialien abzudecken. Die Höhe richtet sich nach gemeinschaftlicher Festlegung.

Die im Einzelfall entstehenden Kosten sind sehr unterschiedlich und richten sich nach dem Charakter der Wohngemeinschaft und den von dem jeweiligen Mitglied der Wohngemeinschaft in Anspruch genommenen Leistungen.  Ein Teil der Kosten kann über die Pflegeversicherung, bei niedrigen Einkommen oder Vermögen über die Sozialhilfe und/oder Wohngeld refinanziert werden.

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